Babelsberg: „Tuche – Lokomotiven – Filme“

Herr Dr. Klaus Arlt hielt einen Vortrag über den Potsdamer Ortsteil Babelsberg bis zu seiner Eingemeindung 1939, unterlegt mit umfangreichem Bildmaterial.

Neuendorf:
1375 wird im Landbuch Kaiser Karls IV. das frühdeutsche Neuendorf unter der Bezeichnung “Nygendorp” und “Parva Glinick” erwähnt. Neuendorf ist ein neun Hufen großer Ort, eine Ansiedlung von Bauern und Fischern. Auf dem Griebnitzsee und auf der Nuthe hatten sie Fischereirecht, in den Wäldern ihrer Dorfflur holzten sie und betrieben Zeidlerei, d.h. Waldbienenwirtschaft. Die ersten Häuser waren im Oval um den Anger gebaut, auf den heute das Straßenschild “Neuendorfer Anger” noch verweist. Es ist ein Lehnschulzengut mit einem selbständigen Bürgermeister mit selbständig wirtschaftenden Bauern, die ihre Abgaben zu entrichten hatten.

Nowawes:
Mit Datum 7.10.1750 wurde auf Befehl König Friedrichs II. ein Kolonistendorf erbaut, das zunächst die Bezeichnung “Etablissements bey Potsdam” trug und im Gegensatz zum alten Neuendorf “Böhmisch Neuendorf” genannt wurde. Schließlich übersetzten die hier angesiedelten Böhmen “Neues Dorf” in ihre Sprache – Nowa ves. Daraus wurde dem Klang folgend “Nowawes”.
Als besonderer Engpass hat sich aus Sicht des Königs die Textilindustrie erwiesen. Aus Schafhaltung gab es genug Wolle, aber nicht ausreichend Weber und Spinner zur Verarbeitung. Das stetig wachsende Heer musste eingekleidet werden. Und so siedelten sich viele protestantische Böhmen als Spinner und Weber aus dem streng katholischen Österreich dort an und erhielten viele Privilegien vom König.
1751 beginnt die erste Bauphase mit 155 Häusern in fünf Straßen und einem Kirchplatz in dreieckiger Form. Bereits am 8. Februar 1759 sind 155 Häuser fertig gestellt und man zählt 681 Einwohner und 103 Webstühle.
1780/81 wollte Friedrich II. die Seidenweberei als gewinnbringende Einnahmequelle entwickeln und ließ auf dem Weberplatz für 3470 Taler
1300 Maulbeerbäume und Sträucher pflanzen, von denen heute noch einer erhalten und zu besichtigen ist!
Nowawes war stets ein Ort der Arbeiter, selbständigen Weber, seinen Fabriken und seiner wachsenden Industrie. Daraus folgte eine besondere Anfälligkeit für wirtschaftliche Krisen, Zeiten der Arbeitslosigkeit und damit der Not, der Armut, aber auch des Aufbegehrens. Am 11.12.1785 kam es hier bereits zum ersten Berliner Arbeiteraufstand unter dem Wortführer, dem Weber Wenzel Wessely. Von der Wirtschaftskrise des Jahres 1847 waren die durch Arbeitslosigkeit gebeutelten Weber besonders hart getroffen. Als 1848 eine öffentliche Suppenküche eingerichtet wurde, meldeten sich von 510 Familien 425 an! Zum Zentrum des sozialen und politischen Kampfes in unserem Jahrhundert wurde Orenstein und Koppel. Hier kam es bald zum Zusammenschluss der Arbeiter. Als Klubs und Vereine getarnt hatten sie bald ihre festen Treffpunkte.
1795 kam Nowawes u.a. zusammen mit Stolpe zum Landkreis Teltow.
1907 wurde aus Neuendorf und Nowawes nunmehr einheitlich “Nowawes”.

Weberhäuser:
Die eingeschossigen, für jeweils zwei Familien bestimmten Doppelhäuser standen mit der Traufseite der Straße zugekehrt. Sie waren fünfachsig, d.h. rechts und links der soliden, meist individuell gestalteten Haustür hatten sie zwei Fenster. Dort lag der Wohn- und Arbeitsraum, der meistens jeweils mit Spinnrad und Webstuhl bestückt war. Dahinter schlossen sich die Küche und Kammern an. Der Flur trennte beide Familien voneinander. Bisweilen diente der Flur beiden Familien als gemeinsame “schwarze” Küche, er hatte einen Schornstein, aber zwei Herde. Die Schlafkammern lagen im hinteren Bereich. Zu jedem Haus gehörte ein großer Garten, oft von einem Morgen zur Selbstversorgung der Familien. Nach Überlieferungen gab es den letzten Weber dort noch in den 20er Jahren.

Kirchen:
1752/57 wurde von Jan Boumann die Friedrichskirche (Namensgeber Friedrich II.) als Emporenkirche erbaut.
1906 Pfarrhaus und Kapelle am Göhleplatz
1922 Pfarrei
1926/27 wurde die kath. Kirche St. Michael in Wannsee auch für die
katholischen Gläubigen in Babelsberg erbaut.
1934 entstand in Babelsberg die St. Antonius-Kirche, errichtet von Fahlbusch, in deren Altarraum das Mosaik “Anbetung des Lammes” von E. Lammers zu betrachten ist.

Oberlinhaus:Als in Nowawes die Hausweberei immer mehr von Textilfabriken verdrängt wurde, ergab sich das dringende Problem, die während der Arbeitszeit der Frauen unbeaufsichtigten Kinder zu betreuen. Damals gründete sich ein Verein, der sich unter dem Vorsitz von Generalfeldmarschall Graf Helmut von Moltke (1800 – 1891) das Ziel setzte, Kinderbetreuungsstätten einzurichten. Er nannte sich Oberlinverein nach dem Pfarrer und Sozialreformer Johann Friedrich Oberlin (1740 – 1826), der in seinem Wirkungsbereich im Elsass 1770 mit so genannten “Strickstuben” die ersten Kindergärten ins Leben gerufen hatte, in denen Kleinkinder betreut und ältere Kinder mit durchdachtem Spielzeug und mit Bastelarbeiten sinnvoll gefördert wurden.1874 Oberlinhaus,1878 Mutterhaus errichtet,1874 Ausbildung zu Kinderschwestern und Lehrern,1880 Krankenstation,1886 Beginn der Arbeit mit Körperbehinderten, orthopädisch-chirurgische Klinik,1887 Taubblindenfürsorge,1903-1905 Errichtung der Oberlin-Kirche von Tiedemann,1927 Schwestern-Feierabendhaus.

Industriestadt Nowawes:
1862 Entstehung der ersten Jutespinnerei und Weberei,
1865 Kammgarnspinnerei,
1866 mechanische Jute und Hanfweberei,
1883 Teppichfabrik Hozàk,
1885 Jacquardweberei Kune & Kraberg,
1990 Fertigung von Konfektionsstoffen,
1899 Bau von Lokomotiven bei Orenstein und Koppel, bereits 1924 wurde die
10.000ste Lokomotive gebaut, heute steht nur noch auf einem freien
Gelände der “Zirkus”, die alte Fertigungshalle.
1900 Schuhfabrik Haase & Ruß,
1911 Bioscop Filmgesellschaft, ab 1917 dann UfA,
1913 Seidenspinnerei Michels & Co der Fa. Hagedorn, gebaut von Muthesius,
zerstört nach dem Ersten Weltkrieg. Danach zog die Fa. Elektrola, später
die Arado-Flugzeugwerke ein. Heute Druckerei der Märkischen Zeitung.
– Eine weitere Plattenfirma in Babelsberg war die Fa. Tempo -.

Filmstadt:
1912 Deutsche Bioscop Filmgesellschaft, ab
1917 Universum Film AG. Für den damaligen Stummfilm benutzte man mangels
geeigneter Lichtquellen ein großes oder kleines Gewächshaus aus Glas.
1926 Stummfilm (Stahl-Urach),
1929 Tonkreuz, erbaut von Otto Kothz, war das modernste Studio neben einem
Studio in den USA.
1913 wurde die Bahnlinie hoch gebaut und es entstanden die heutigen
Bahnunterführungen. Bis zu diesem Zeitpunkt fuhr die Bahn auf
eine ebenerdigen Trasse.
1927 wurde von Paul Schönbeck das AOK-Gebäude errichtet, sehr pompös, da
Babelsberg sehr vermögend war. In ihm war ein Ärztehaus mit Ärzte
Wohnungen enthalten sowie auch Bäder für die Bevölkerung zur
Körperreinigung.
1911 Das Althoff-Realgymnasium wurde erbaut sowie zwei Gemeindeschulen für
Mädchen.

Alle nach 1852 angelegenen Straßen waren besonders breit. Die Weber sollten dort ihre Tuche zum Bleichen auslegen.

1928 – 1938 entstand die GEWOBA-Wohnanlage von Ludewig. Sie war die erste Wohnanlage mit Zentralheizung.

Klein-Glienicke:
Aus dem Ortsnamen ist zu entnehmen, dass das Dorf im Ursprung eine slawische Gründung war. Er ist vom slawischen Wort “glina” – “Lehm, Ton” abgeleitet. Schon im vierten Jahrhundert soll es als Siedlung von Semnonen entstanden sein. Es hat eine wechselvolle Geschichte hinter sich und hervorzuheben ist der Bau des Jagdschlosses von Dieussart (1683 – 1684). 1781 schenkt Friedrich II. dem Dorf den “alten Friedhof”, auf dem viele Berühmtheiten ihre letzte Ruhestätte gefunden haben.
1859 wurde die “Waisen-Versorgungs-Anstalt” von Türk erbaut.
1863 Bau von zehn “Schweizerhäusern” für die Bediensteten des Sohnes von Prinz Carl, von denen heute noch vier Häuser stehen. Die Entwürfe stammen von Hofbaurat Ferdinand von Arnim.
1870 Bau einer “Winterkirche” nach einem Entwurf von Persius. Diese Kirche ist ein Geschenk an Klein-Glienicke von Prinz Carl und seinem Bruder
Kaiser Wilhelm I.

Neubabelsberg:
Am Anfang standen die in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts angestrebte engere Verbindung zwischen Potsdam und Berlin und das Bestreben finanzkräftiger Berliner, sich außerhalb der Stadt, im Grünen, ein Sommerhaus zu bauen.
Diese Tendenz machten sich die Regierungsbauräte Friedrich Wilhelm Böckmann (1832-1902) und Hermann Gustav Louis Ende (1829-1907) zunutze. Sie beantragten 1872 bei der Preußischen Regierung den Kauf von Forstland am Griebnitzsee für eine Landhauskolonie. Nach der Genehmigung ihres Antrages legten sie 1873 einen Parzellierungsplan mit insgesamt 176 mehr oder weniger großen Parzellen vor.

Villen in Babelsberg:
1882 standen erst 17 Häuser. Erst mit Inbetriebnahme der Wannseebahn in den neunziger Jahren gab es einen gewissen Auftrieb. In den ersten Jahrzehnten zogen vor allem Industrielle, Wissenschaftler, Künstler und Offiziere nach Neubabelsberg. Namhafte Architekten versuchten sich mit ihren Frühwerken. Mit dem Aufblühen der Ufa kamen Filmkünstler in den Ort, der beinahe unmittelbar vor der Tür ihrer Wirkungsstätte lag. In den zwanziger Jahren war fast die Hälfte der Häuser jüdisches Eigentum. In den dreißiger Jahren wurden, als jüdische Villenbesitzer in zunehmendem Maße vertrieben wurden, frei werdende Anwesen vielfach von Nazis übernommen.
In der Spitzweggasse 1 befindet sich heute eine Gedenktafel für das dort in den Jahren 1940 – 1943 befindliche “jüdische Altersheim”, das ein Sammelpunkt für die Deportation von jüdischen Mitbürgern war.

Nach 1945 wurde aus der Villenkolonie ein sowjetisches Sperrgebiet, in dem 17 Tage lang die Gesprächspartner der Potsdamer Konferenz residierten.

1913 zieht die königliche Sternwarte Berlin nach Neubabelsberg. Bereits 1924 besitzt sie das größte Spiegelteleskop, das 1952 abgebaut und nach Russland verbracht wird und sich heute noch auf der Krim befindet.

Rathäuser:
Zwei Gemeinden und zwei Rathäuser, die sich fast gegenüber in einer Straße befinden. Besonders hervorzuheben ist das Nowaweser Rathaus, das Kerwin 1898/99 baut, aber erst am 19. Januar 1920 offiziell eröffnet wurde und besonders “pompös” geraten ist.
1893/ 94 war bereits das Neuendorfer Rathaus gegenüber von Techow errichtet worden.
1907 erhält Nowawes das Wappen mit Wanderer und Eiche.

Am 1. April 1938 wird aus der Stadt Nowawes und der Landgemeinde Neubabelsberg unter dem Stadtnamen “Babelsberg” und mit knapp 35.000 Einwohnern nunmehr ein Stadtteil von Potsdam.

Inge Redlich

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